Gibt es Empathen?

Ganz klar und unumstritten, natürlich gibt es Empathen!
Auch wenn dieser Terminus noch nicht so gebräuchlich ist, aber es ist an der Zeit ihn zu benutzen.

Was ist Empathie?

In der Alltagssprache ist Empathie ein weitgehend ungenutzter Begriff und wird im Deutschen mit Einfühlung und gelegentlich auch als Mitfühlen übersetzt und bezeichnet. Der Empathie ordnet man eine kognitive (erkennende) und affektive (im Sinne von Hilfeleistung/Altruismus) Komponente zu. Allgemein bezeichnet Empathie die Fähigkeit eines Menschen, sich kognitiv in ein anderes Lebewesen hineinzuversetzen, dessen Gefühle zu teilen und sich damit über sein Verstehen und Handeln klar zu werden.

Aus der Vielzahl der Definitionen und Beschreibungen habe ich hier Auszüge über Empathie von Carl Rogers (1959) ausgewählt, der seine Erkenntnisse in der Gesprächspsychotherapie einsetzte:

"Die innere Haltung eines anderen Menschen klar wahrzunehmen und die emotionalen Komponenten und ihre Bedeutung die diese Person betreffen, so als ob man diese Person ist. Jedoch ohne jemals die "als ob" Komponente zu verlieren. Demgemäß meint es die Trauer oder das Glück eines anderen zu fühlen, wie er/sie es fühlt und die dazugehörigen Gründe wahrzunehmen, wie sie sich für diese Person darstellen.

Allerdings ohne jemals die Kenntnis darüber zu verlieren, dass es sich dabei so anfühlt, als ob man traurig oder fröhlich ist und mit dem Bewusstsein, dass es sich nicht um die eigenen Gefühle handelt.

1975 schrieb Rogers weiterhin:

"Empathie ist primär ein Vorgang als ein Zustand und bedeutet sich in die private Wahrnehmungswelt einer anderen Person zu begeben und sich dort zu Hause zu fühlen.

Empathisch zu sein beinhaltet in jedem Moment Sensitiv/Sensibel zu sein und zu den wechselnden Gefühlen Bedeutungen welche durch eine andere Person strömen zu der Angst oder Wut oder Empfindsamkeit oder Verwirrung oder was immer diese Person erfährt.

Es bedeutet weiterhin sein Leben zu leben, sich sanft darin zu bewegen ohne zu urteilen und die gefühlten Bedeutungen, die sich die betreffende Person selber kaum bewusst ist zu erkennen. Diejenigen Gefühle, die der anderen Person nicht bewusst sind werden dabei nicht aufgedeckt, denn das würde zu bedrohlich sein.

Empathisch zu sein beinhaltet ferner über die Gefühlswelt des anderen zu sprechen, die der Empath mit seinem klaren , unvoreingenommenen Blick wahrnimmt und auf Elemente hinzuweisen, die die Person belasten. Häufig läßt sich der empathische Mensch durch die Äußerungen und Antworten der anderen Person durch die Gefühlswelt führen, um größtmögliche Klarheit zu erreichen.
Er/Sie ist gegenüber  anderen Personen ein vertrauensvoller Gefährte durch ihre innere Welt.

Die Hilfe besteht darin, die jeweiligen Bedeutungen des Erfahrungsflusses herauszustellen und die Konzentration auf die wesentlichen Hinweise zu leiten, um die subjektiven Wahrnehmungen exakter zu erfassen und damit ein Voranschreiten im Sinne der Hilfe zu gewährleisten.

Um für eine gewisse Zeit mit jemand Anderem in dieser Art und Weise zu sein, werden die persönlichen Betrachtungen und Bewertungen beiseite gelegt, um in die Welt eines Anderen einzutreten und zwar ohne Vorurteile.

In diesem Sinne meint es sich quasi neben sich zu legen und dies kann nur von einer Person gemacht werden, die eine gewisse Selbstsicherheit und Erfahrung hat, sowie das sichere WIssen nicht verlorenzugehen in der manchmal bizarren Welt eines Anderen. Nur so kann Er/Sie wieder wohlbehalten in seine eigene Welt zurückkehren.

Vielleicht macht diese Beschreibung klar, was es bedeutet empathisch zu sein und dass es sich um einen komplexen, anspruchsvollen und strengen, sowie feinfühligen Weg des Seins handelt."


Wie funktioniert Empathie und was hat das mit Hochsensitiviät zu tun?

Empathie ist eine zentrale Eigenschaft in dem Konzept der emotionalen und sozialen Intelligenz. Jeder Mensch besitzt empathische Fähigkeiten und nutzt diese auch, sie ist Bestandteil der sozialen und emotionalen Kompetenz. Ein abnormes Fehlen von Gefühlen bei sich und im Erkennen bei anderen wird im patholgischen Sinne als Alexithymie bezeichnet. Diesen Personen mangelt  es auch an Phantasie und Kreativität und sie haben einen extern orientierten Denkstil, der kaum Bezug zu innerem Erleben aufweist.

Einfühlungsvermögen läßt sich auch als nonverbale Kommunikation beschreiben und hier kommt es vor allem auf die Genauigkeit und Tiefe der Wahrnehmung an. Als Beispiel zeichnet es einen erfolgreichen Poker-Spieler aus, sich in keinster Weise zu verraten. Dazu werden häufig auch Sonnenbrillen aufgesetzt und schon der Volksmund sagt, dass Augen mehr sagen als tausend Worte. Man sagt auch er legt sein Poker-Face auf, um sein wahren Absichten und Gefühle nicht zu zeigen. Gute Poker Spieler müssen lange üben, um sich nicht zu verraten und gleichzeitig müssen sie versuchen, kleinste Zeichen beim Gegenspieler zu deuten. Da HSP die "Experten" der feinen Wahrnehmungen sind, gibt es viele Empathen unter ihnen. Diese Fähigkeit muss jedoch auch trainiert werden, sonst verkümmert sie oder der Betreffende liegt oftmals daneben. Er gehört also neben der genetischen Disposition auch noch das Lernen dazu, sie müssen lernen mit ihren Fähigkeiten richtig umzugehen und sie weiterzuentwickeln.

Das intuitive Verstehen um die Gefühle von anderen Menschen und die Vorstellung davon, was andere denken hat also nichts mit Zauberei zu tun oder Gedankenübertragung im esotherischen Sinne, sondern vielmehr mit dem Phänomen der Spiegelneuronen, die von Giacomo Rizzolatti entdeckt wurden.


Erleben und Verhalten von Empathen

Innerhalb der Psychologie geht man davon aus, dass Empathie eine motivationale Grundlage prosozialen Verhaltens darstellt. In der Tat haben empathische HSP die Tendenz anderen Menschen zu helfen, weil sie das Leid förmlich "sehen". Sie können sich auch nicht davor schützen, es sei denn, sie ziehen sich zurück. So viel wahrzunehmen ist oftmals sehr belastend, da man es eben nicht mit einem Knopfdruck abstellen kann. Viele vergessen sich förmlich selber und zeigen für Familie und Freunde ein aufopferndes Verhalten. Generell sind Empathen etwas scheu und suchen selten genug die Gesellschaft anderer Menschen. Im Folgenden finden Sie Auszüge aus einem Brief, den ich vor einiger Zeit erhalten habe:

Liebe Frau Trappmann-Korr,

...als ich mich einem Therapeuten anvertraut habe fragte er mich ungläubig: "Ist es wahr, können Sie wissen was der andere fühlt/denkt können Sie dem Anderen in den Kopf schauen?"
Worauf jeder klar denkende Mensch natürlich mit Nein antworten will. Aber letztendlich bekomme ich leider mehr mit als andere Menschen und es macht mir unglaublich zu schaffen. Z.B. haben wir mit unserem Büro in einer sozial schwachen Wohnungssiedlung Wohnungen aufgemessen. Man ist im 20 min. Takt. in die unterschiedlichsten Leben in komprimierter Form hineingeworfen worden. Abgesehen von dem was man optisch hochaufgelöst abscannt (in sich hineinstopft), liest man die Menschen an sich, ihr Leben von innen und aussen durch. Wo meine Kollegen fast nix mitbekommen hatten, war ich völlig "überfressen" und völlig fertig. Ich weiss auch nicht wie ich weiter verfahren soll...

Über empathische Fähigkeiten wird nicht gesprochen, es ist ein TABU-Thema. Nicht nur Erwachsene sind verzweifelt, weil man ihnen nicht glaubt, sondern es sind auch die Kinder, die in der Schule entsätzlich leiden. Es sind die friedliebenden Kinder, die sich einfach nicht schützen und wehren können. Dabei ist für sie Harmonie sehr wichtig, denn um es nochmals zu betonen, sie nehmen kleinste Veränderungen insbesonders auf emotionaler Ebene wahr. Ein lautes Wort gleicht einem Sturm, der über sie hineinbricht.

Wie kann man Empathie sinnvoll nutzen?

Zunächst einmal- Drüber reden...
In der Alltagssprache wird der Begriff selten verwendet, aber Schauspieler wissen z.B. sofort was damit gemeint ist. Es ist für ihren Beruf sehr wichtig, sich in eine fremde Rolle auch einzuFÜHLEN.

Innerhalb der Arbeits & Organisationspsychologie und auch im Bereich der Managementliteratur wird derzeit viel über die Bedeutung von Emotionen diskutiert und die Relevanz ist längst erkannt worden. Der Mensch ist eben nicht nur ein homo oeconomicus und Begriffe wie soft skills, emotionale Kompetenz und soziale Sensibilität werden derzeit auch vom Beratermarkt dankbar aufgegriffen, als hätte man nun endlich den Stein der Weisen für erfolgreiche Führung und Management gefunden. So einfach liegt der Fall jedoch nicht.

Was wäre aber, wenn es Menschen gäbe, die bei schwierigen Geschäftsverhandlungen gerade auch im interkulturellen Bereich ihre empathischen Fähigkeiten anwenden könnten?
Sie wüßten, ob ihr Gegenüber die Wahrheit sagt.
Sie wüßten, ob man ihm/ihnen auf die richtige Art und Weise begegnet.
Sie wüßten, ob das Geschäft Aussicht auf Erfolg hat.
Sie wüßten, wie das Klima im Unternehmen aussieht.
Sie wüßten und sehen so viel mehr als andere.....

Jedoch- Empathie ist ein TABU-Thema.